Südkorea gilt weltweit als führend in der endoskopischen Wirbelsäulenchirurgie. Dr. Beat Wälchli war im Rahmen einer mehrtägigen Fellowship in Seoul, um vor Ort zu sehen, warum diese Technik dort längst zum chirurgischen Alltag gehört. Was er dort beobachtete, stellt einige verbreitete Vorbehalte gegenüber der Endoskopie in Frage – besonders einen.


Dr. Wälchli, Sie wenden seit praktisch 20 Jahren bei Wirbelsäuleneingriffen unter anderem auch die Technik der Endoskopie an, also die «Schlüssellochtechnik», und engagieren sich auch in der Ausbildung. Nun sind sie soeben nach einer mehrtägigen Fellowship aus Seoul zurückgekehrt. Warum Südkorea?

BW: Die Südkoreaner verfügen über langjährige Erfahrung in der endoskopischen Wirbelsäulenchirurgie. Während man in Europa und den USA dieser Technik lange mit Vorbehalten begegnete, haben die Südkoreaner – und zunehmend auch andere asiatische Länder – die Endoskopie konsequent weiterentwickelt. In Südkorea ist sie heute bei vielen Eingriffen an der Wirbelsäule Standard, etwa bei Bandscheibenvorfällen oder Verengungen des Spinalkanals. Deshalb sind sie uns auf diesem Gebiet derzeit voraus.

Unterscheidet sich die Anwendung der Endoskopie in der Wirbelsäulenchirurgie in Asien im Vergleich zu Europa?

BW: Grundsätzlich nicht – die Techniken sind identisch. Da die Südkoreaner die Endoskopie jedoch seit Jahren anwenden, haben sie uns einen grösseren Wissensvorsprung voraus.

Was hat Sie überrascht – und was inspiriert?

BW: Mich hat überrascht, mit welcher Präzision die endoskopischen Eingriffe durchgeführt wurden – und wie schnell. Ein häufiges Argument gegen die Endoskopie bei uns ist der vermeintlich hohe Zeitaufwand. Vor Ort habe ich jedoch gesehen, dass die südkoreanischen Kolleginnen und Kollegen dank ihrer grossen Erfahrung in derselben Zeit operieren wie wir mit mikrochirurgischer Technik. Das Zeitargument gegen den Einsatz der Endoskopie ist damit hinfällig.

Die Mentalität und Erwartungen der Patientinnen und Patienten in Asien sind sicherlich eine andere als bei uns. Inwiefern spielt das in Ihren Augen eine Rolle?

BW: Ich glaube nicht, dass sich die Erwartungen südkoreanischer Patientinnen und Patienten an das Ergebnis eines Eingriffs wesentlich von jenen unserer Patientinnen und Patienten unterscheiden. Sie erwarten in erster Linie, dass ihnen die Operation hilft. Während meines Aufenthalts habe ich zudem einige europäische und amerikanische Patientinnen und Patienten getroffen, die sich endoskopisch operieren liessen. Deren Erwartungen sind vermutlich höher – sonst würden sie die weite Reise kaum auf sich nehmen.

Sie selbst geben auch endoskopische Weiterbildungskurse. Wird diese Reise ihr Konzept beeinflussen?

BW: Ja, durchaus. Ich möchte die Erfahrungen, die ich in dieser kurzen Zeit gesammelt habe, so gut wie möglich an jüngere Kolleginnen und Kollegen weitergeben. Wenn wir mit den Südkoreanern Schritt halten wollen, müssen wir uns intensiv mit der Endoskopie auseinandersetzen.